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​Die berufliche Anerkennung ist zentraler Baustein im Zuge der Fachkräftesicherung in Deutschland. Daher ist es eines der wichtigsten Elemente von Unternehmen BerufsanerkennungHWK, das Thema Berufsanerkennung in den (regionalen) Handwerksstrukturen prominent zu platzieren und die Vernetzung unter Multiplikatoren zu fördern. Aus diesem Grund besuchte UBAHWK eine der größten Kreishandwerkerschaften bundesweit, die KH Niederrhein in Krefeld und stand für das KH-eigene Magazin „Stand.Punkt" Rede und Antwort zum Thema berufliche Anerkennung. Im Folgenden das Interview in gekürzter Fassung zum Nachlesen.


Noch ist es vielleicht nicht an der Tagesordnung, aber der Trend ist klar: Immer mehr Handwerksbetriebe beschäftigen Mitarbeiter mit ausländischen Berufsabschlüssen oder erhalten Bewerbungen von Fachkräften, die ihre berufliche Qualifikation im Ausland erworben haben. Das kann der geflüchtete Tischler aus Syrien ebenso sein wie der Maurer aus Polen oder der Installateur aus Spanien.

Zudem wird das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz die Hürden für die Einwanderung qualifizierter Arbeitnehmer senken. Das Gesetz wird ermöglichen, dass Fachkräfte auch aus sogenannten Drittstaaten, also Ländern außerhalb der Europäischen Union, künftig leichter einwandern können. Dies soll ein wichtiger Baustein im Rahmen der Fachkräftesicherung in Deutschland sein. Gut möglich also, dass ein Elektrofachbetrieb demnächst von einem Bewerber aus – beispielsweise – der Ukraine ein Diplom vorgelegt bekommt oder der Friseursalon ein Zeugnis von einem Handwerker aus Australien.

Laura Mavrides und Alina Schmidt sind Referentinnen im Projekt „Unternehmen BerufsanerkennungHWK" bei der Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk in Düsseldorf. Ihr Ziel ist es, Handwerksbetrieben die Chancen der Berufsanerkennung zu vermitteln. Mit ihnen sprach Georg Maria Balsen.

Stand.Punkt: Frau Mavrides, Frau Schmidt, Ihr Projekt „Unternehmen Berufsanerkennung" hat einen Slogan: „Mit ausländischen Fachkräften gewinnen." Wer gewinnt hier?

Mavrides: Natürlich gewinnt die Wirtschaft, sprich: die einzelnen Unternehmen – auch im Handwerk. Durch das Berufsanerkennungsverfahren wird sichtbar, was eine ausländische Fachkraft kann und was sie (noch) nicht kann. Das hilft den Betrieben einzuschätzen: Ist der oder die etwas für mich oder nicht? Aus dem Anerkennungsbescheid der Handwerkskammer geht klar hervor, wo die Kompetenzen und Defizite eines Bewerbers aus dem Ausland liegen.

Stand.Punkt: Um welche Bewerber geht es?

Mavrides: Das ist sehr unterschiedlich. Es gab eine große Welle im Zuge des verstärkten Zuzugs von Flüchtlingen nach 2016. Darunter waren viele Fachkräfte. Nur ein Beispiel: In Solingen hatten wir einen Zahntechniker aus Syrien. In diesem Fachgebiet gibt es in der Regel zwei Bereiche, in denen Nachholbedarf besteht, und zwar bei den Fach-Sprachkenntnissen und hinsichtlich des Know-hows in einem bestimmten Software- bzw. CAD-Verfahren. Der Mann hat ein Praktikum in einem Betrieb gemacht, die Chefin war sehr zufrieden und wollte ihn gerne behalten. Er hat daraufhin das Anerkennungsverfahren durchlaufen, dabei wurden die beiden Defizite festgestellt. Daraufhin hat der Syrer in diesem Betrieb auch die praktischen Teile der Anpassungsqualifizierung absolviert, also ganz gezielt diese Lücken aufgearbeitet. Nach einem zusätzlichen Fachsprachkurs hat er die volle Gleichwertigkeit seines Abschlusses bescheinigt bekommen. Der Mann arbeitet heute noch dort, und der Betrieb hat einen qualifizierten Mitarbeiter gefunden. Das ist der Idealfall: eine Fachkraft, die motiviert ist, ein Betrieb, der offen ist, und das korrekt durchlaufene Anerkennungsverfahren, bei dem gezielt an den Kenntnissen gearbeitet wird, die wichtig für den Beruf sind.

Schmidt: Wichtig ist in diesem Zusammenhang: Bei der Berufsanerkennung geht es nicht nur um geflüchtete Menschen, sondern um jede Person, die im Ausland einen staatlich anerkannten Berufsabschluss erworben hat. Seit Einführung des Anerkennungsgesetzes wird das Verfahren am häufigsten von Menschen aus Europa genutzt. Wir wissen beispielsweise, dass ein großer Handwerksbetrieb in die Ukraine fährt, um dort vor Ort Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzuwerben. Zusätzlich dazu kommt eine nicht unerhebliche Zahl an Antragstellenden außerhalb Europas.

Stand.Punkt: Auf den Punkt gebracht: Was bringt die Berufsanerkennung einem Betrieb?

Mavrides: Fachpersonal. Sicher auch einen anderen Blick auf die Dinge und eine neue Perspektive. Kompetenzen im Umgang mit Kunden, die vielleicht andere Mitarbeiter nicht haben, weil sie aus einem anderen Kulturkreis kommen. Aber vor allem Personal. Manche Betriebe berichten uns, dass sie seit zwei, drei Jahren keine Auszubildenden mehr finden.

Stand.Punkt: Sind die Betriebe offen für dieses Thema?

Schmidt: Ja, viele Handwerksunternehmer sind durchaus aufgeschlossen. Das größte Problem ist, dass das Verfahren oft noch nicht bekannt und transparent genug ist und die Betriebe den bürokratischen Aufwand nicht einschätzen können. Da braucht es einfach noch mehr Aufklärung. Aber das Interesse ist auf jeden Fall da.

Stand.Punkt: Nun sind Hilfskräfte günstiger als Fachkräfte. Warum sollte ein Betrieb ein Interesse daran haben, dass ein Mitarbeiter seinen Berufsabschluss als gleichwertig anerkennen lässt?

Mavrides: Wenn er mittelfristig denkt und die Qualifikation im Unternehmen auf einem hohen Niveau bewahren will, ist die Berufsanerkennung ein tolles Instrument. Der Handwerksunternehmer stellt ja auch keine halb fertigen Gesellen ein und er arbeitet auch nicht nur mit Auszubildenden, sondern mit vollwertigem Fachpersonal. Und eines ist auch klar: Ein Mitarbeiter, der eigentlich mehr kann, aber trotzdem wie eine Hilfskraft bezahlt wird, weil die formale Anerkennung seines ausländischen Abschlusses fehlt, der wird auf Dauer nicht bleiben. Nicht in Zeiten des akuten Fachkräftebedarfs. Der geht zu einem Chef, der ihn fördert. Die Berufsanerkennung ist ein Instrument zur Mitarbeiterentwicklung und Mitarbeiterbindung. Betriebe, die das erkennen, werden gewinnen.

Stand.Punkt: Okay, gehen wir davon aus: Spätestens jetzt ist der Handwerksunternehmer überzeugt, dass die Anerkennung eine richtig gute Sache ist. Und nun?

Mavrides: Der erste Schritt wäre, dass er bei seinen bereits beschäftigten Mitarbeitern schaut: Gibt es da Potenziale, die bisher noch nicht aufgedeckt und gefördert worden sind? Wenn es tatsächlich Beschäftigte in der Belegschaft gibt, die im Ausland einen Berufsabschluss erworben haben, könnten sie jetzt das Anerkennungsverfahren durchlaufen. Eine weitere Möglichkeit ist, dass sich interessierte Betriebe bei der Handwerkskammer melden und sagen: Wir sind offen für ausländische Fachkräfte und bieten gerne an, Anpassungsqualifizierungen in unserem Betrieb durchzuführen. So kommen sie mit möglichen künftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Kontakt und es kann ein Klebeeffekt eintreten. Die Berufsanerkennung bietet insgesamt tolle Chancen für die Betriebe.

Stand.Punkt: Den Antrag auf Berufsanerkennung muss die ausländische Fachkraft stellen. Wie können Handwerksbetriebe hier unterstützen?

Schmidt: Sie können Mitarbeiter oder Bewerber zur Antragstellung motivieren, sie bei der Erstberatung begleiten und auch ganz praktisch helfen, etwa beim Ausfüllen von Formularen oder durch eine Beteiligung an den Kosten des Anerkennungsverfahrens. Wir sind davon überzeugt: Wer auf diese Weise aktiv mitwirkt und Menschen eine Chance gibt, wird besonders loyale Mitarbeiter haben.