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Handwerksbetriebe schauen über den Tellerrand

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„Handwerksbetriebe schauen über den Tellerrand"

Durch das bevorstehende Fachkräfteeinwanderungsgesetz rückt die qualifizierte Einwanderung und damit auch die Berufsanerkennung verstärkt ins Blickfeld der Betriebe mit Fachkräftebedarf. Wie ist die Perspektive der Handwerkskammern auf den Status quo und welche Entwicklungen gilt es aktiv zu steuern?

Das Team von UBAHWK sprach mit den Anerkennungsexperten der Handwerkskammern Erfurt, Berlin, Südwestfalen sowie München und Oberbayern - übrigens die Partner der ZWH im neuen Projekt "Unternehmen BerufsanerkennungHWK " - und war erstaunt, wie rasant sich das Thema entwickelt.


Die Berufsanerkennung gilt als eine von mehreren Möglichkeiten zur Fachkräftesicherung und -gewinnung. Frau Stümpel-Müller und Frau Philipp, wo steht das Handwerk bei diesem Thema?

Dagmar Stümpel-Müller (HWK Südwestfalen): Mit Blick auf die letzten Jahre verzeichnen wir eindeutig einen Anstieg bei den Anfragen durch Betriebe. Diese haben entweder einen ausländischen Mitarbeiter, den sie gezielt fördern wollen oder aber es liegen ihnen Bewerbungen von Menschen mit ausländischem Abschluss vor, den sie nicht einordnen können. Im Gespräch klären wir zunächst das Prozedere ab.Es stellt sich oft heraus, dass die Unternehmen völlig falsche Vorstellungen vom Anerkennungsverfahren haben und glauben, es genüge ein Griff in den Aktenordner.Leider aber gestaltet sich die Praxis meist deutlich komplizierter.

Christiane Philipp (HWK Erfurt): Manchmal ist schon die Suche nach dem deutschen Referenzberuf sehr schwierig. Es gibt eine Art „hybrider" Berufe im Ausland, die einfach nicht in das deutsche System eingeordnet werden können. Das macht es uns manchmal wirklich schwer. Eine zweite Herausforderung sind die Anpassungsqualifizierungen. Bei einer teilweisen Gleichwertigkeit können wir in Erfurt aus Kapazitätsgründen nur begrenzt unterstützen, wenn es um die sehr individuelle Organisation von Lehrgängen und Praktika geht. Durch unsere aktive Teilnahme am Projekt "Unternehmen BerufsanerkennungHWK" erhoffen wir uns aber strukturelle Erleichterungen, die Raum für eine Erweiterung unseres Angebots schaffen.

Melden sich Unternehmen bei den Kammern, weil sie vom Thema gehört haben und sich näher informieren wollen oder eher, weil sie die Berufsanerkennung für einen konkreten Mitarbeiter anstreben?

Christiane Philipp: Letzeres – sie kommen immer mit einem konkreten Fall zu uns. Eine unverbindliche Anfrage aufgrund von allgemeinem Interesse ist eher ungewöhnlich.

Katharina Schumann (HWK Berlin): Wir merken aber auch, dass die Betriebe bereits über den Tellerrand hinausschauen und aktiv potenzielle Mitarbeiter in anderen Ländern anwerben, z.B. in Polen, aber auch zunehmend in der Ukraine. Umgekehrt erhalten wir als Handwerkskammer in Berlin auch sehr viele individuelle Anfragen aus dem Ausland, die davon ausgehen, dass wir, weil wir in der Hauptstadt sitzen, zentral zuständig für eine Einwanderung nach Deutschland sind.

Frau Schumann, wie sollte man denn generell mit den steigenden Auslandsanfragen umgehen? Wenn das neue Gesetz in Kraft tritt, ist ja mit deutlich höheren Fallzahlen zu rechnen.

Katharina Schumann: Es wäre nötig, Instrumente und Verfahren zu entwickeln, mit denen die Anfragen aus dem Ausland „vorsortiert" und kanalisiert werden können. Damit könnten die potenziellen Fachkräftemigranten ihre Aussichten besser einschätzen und ggf. die notwendigen Unterlagen schon im Herkunftsland vorbereiten – dies sollte dann den Aufwand im Anerkennungsverfahren deutlich verringern helfen.

Das Aufkommen steigt also und damit vermutlich auch der Vernetzungsbedarf. Mit wem arbeiten Sie als Kammer zusammen, Frau Schumann und Herr Anschütz?

Katharina Schumann: In Berlin sind die Innungen wichtige Partner bei der Anerkennung, sie beteiligen sich an Anpassungsqualifizierungen und führen auch teilweise die entsprechenden Lehrgänge durch. Bei steigender Nachfrage nach Möglichkeiten zur Anpassungsqualifizierung sollte das Handwerk frühzeitig eine Übersicht zu möglichen Qualifizierungsangeboten in den Bildungseinrichtungen des Handwerks erstellen. Auch neue Angebote wie z.B. gewerkeübergreifende Lehrgänge kann ich mir sehr gut vorstellen.

Andreas Anschütz (HWK für München und Oberbayern): Das stimmt. Es ist absolut wünschenswert, die Lehrgangsentwicklung bei den HWK's auszuweiten und Inhalte, die für mehrere Gewerke relevant sind und übereinstimmen, dann auch für übergreifende Teilnehmergruppen anzubieten. Das macht die Planung und Durchführung von Anpassungsqualifizierungen deutlich effizienter.

Welche Verbesserungen könnten Sie sich noch vorstellen?

Andreas Anschütz: Es gibt im praktischen Anerkennungsverfahren viele Fragezeichen sowohl für Betriebe wie auch für zuständige Stellen. Das reicht von Haftungsfragen bei der Durchführung einer Qualifikationsanalyse über die vertragliche Gestaltung von Betriebspraktika bis zur Durchführung von Anpassungsqualifizierungen bei einer teilweisen Gleichwertigkeit. Mittlerweile hat sich in den Kammern reichlich Know-how zu diesen Details angesammelt, so dass es sinnvoll wäre, das erworbene Wissen innerhalb der Kammerlandschaft zu sichern und transferfähig zu machen. So könnte ein Großteil an individuellen Nachfragen entfallen.

Dagmar Stümpel-Müller: Das wäre auf jeden Fall eine gute Sache. Die Beratungsqualität und das über Jahre aufgebaute Wissen müssen strukturell gesichert und noch weiter ausgebaut werden. Die Zahlen zeigen uns ja, dass wir erst am Anfang einer Entwicklung stehen.

Andreas Anschütz: Eine Möglichkeit hierzu bietet sich mit dem BQ-Portal. Es wird primär zur Überprüfung von ausländischen Ausbildungsstrukturen und -profilen genutzt, aber auch die im Laufe des Anerkennungsverfahrens gewonnenen Erkenntnisse und Informationen z.B. ÜLU-Kursen, Praktika etc. können hier nachgelagert eingepflegt und so einem großen Nutzerkreis zur Verfügung gestellt werden.


Team UBAHWK: Es gibt also genügend Ansätze, die Handhabung der Berufsanerkennung auszubauen und zu verbessern. Vielen Dank für das Gespräch und die interessanten Einsichten.

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