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„Ja, das Handwerk will ausländische Fachkräfte integrieren!“

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Welche Faktoren beeinflussen den Beteiligungsgrad von Handwerksunternehmen an der Berufsanerkennung? Gibt es konkrete Hemmnisse, die Betriebe davon abhalten, Fachkräfte mit im Ausland erworbenen Abschlüssen einzustellen oder in ein Anerkennungsverfahren zu begleiten? Und schließlich: An welchen Stellschrauben kann gedreht werden, um die Berufsanerkennung speziell in gefahrgeneigten Berufen weiter zu promoten?

Über diese Fragen hat das UBA-Team ein Gespräch mit drei Experten aus den Elektro- und Informationstechnischen Handwerken geführt: Bernd Dechert (Geschäftsführer des Zentralverbandes der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke, ZVEH), Rolf Meurer (Elektrotechnikermeister und Gas-Wasser-Installateurmeister, Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Niederrhein) und Constantin Rehlinger (Geschäftsführer des Landesinnungsverbands der Elektro- und Informationstechnischen Handwerke Berlin/Brandenburg).

Herr Dechert, welche Herausforderungen stellen sich für Handwerksbetriebe im Hinblick auf die berufliche Anerkennung?

Bernd Dechert: Da gibt es gleich mehrere Handlungsfelder: Zum einen ist die Intransparenz des Verfahrens ein Hindernis, das eine Vielzahl von Betrieben davon abhält, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Andererseits ist vielen Unternehmen die berufliche Anerkennung auch schlicht noch nicht bekannt. Hier müssen wir als Verband sicher noch aktiver werden und unseren Teil zur Aufklärung beitragen. In den vergangenen Jahren haben wir uns zunächst erfolgreich auf die klassische Nachwuchsgewinnung konzentriert – nun ist der richtige Zeitpunkt für das Thema Berufsanerkennung und wir möchten uns gerne verstärkt einbringen. Gerade Kleinstbetriebe haben ja erhebliche Ressourcenprobleme und sind im Bereich der Fachkräftesicherung überfordert. Betriebe mit 5-10 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern müssen daher verbandsseitig proaktiv angegangen werden.

Constantin Rehlinger: Das kann ich bestätigen: Der Zusammenhang „Berufsanerkennung" als Mittel der „Fachkräftesicherung" ist bei den Betrieben noch lange nicht angekommen. Hier findet keine Strategie statt, sondern die Behandlung von Einzelfällen. Eine Herausforderung ist sicherlich die Vergleichbarkeit zwischen ausländischer Berufsqualifikation und deutschem Referenzberuf, welche insbesondere im Handwerk schwierig ist – schließlich findet unser duales System international nur wenig Nachahmung.

Herr Meurer, wie sehen Sie das als Praktiker?

Rolf Meurer: Aus betrieblicher Sicht sind nicht nur das fachliche Know-how, sondern auch die Sprachkenntnisse der Mitarbeiter essentiell. Der Elektrotechniker z. B. verbringt die meiste Zeit nicht in der Werkstatt, sondern vor Ort beim Kunden. Ohne ausreichende Kenntnisse von Sprache und Gepflogenheiten kann keine Kommunikation mit Kundinnen und Kunden stattfinden. Auch das Wissen um Sicherheitsvorschriften und die fachsprachlichen Kenntnisse müssen einwandfrei sein – schließlich agieren wir in einem Berufsfeld, in dem schon kleine Ungenauigkeiten oder sprachliche Missverständnisse lebensgefährliche Auswirkungen haben können.

Die Betriebsgröße spielt bei dem Thema natürlich eine grundsätzliche Rolle: Kleinere Betriebe können auf vollausgebildete Fachkräfte nicht verzichten, wohingegen große Betriebe auch Mitarbeiter „lediglich" für Helfertätigkeiten einstellen können. Wo bei den einen die Ressourcen zum effizienten Personalmanagement fehlen, besteht bei den anderen die Gefahr der Einseitigkeit der Arbeit.

Aber würden Sie trotz der bestehenden Hindernisse sagen, dass die Betriebe generell bereit sind, ausländische Fachkräfte einzustellen, die ihre Ausbildung im Ausland absolviert haben?

Rehlinger: Dem Handwerk ist mittlerweile sehr bewusst, dass es seinen nötigen Nachwuchs nicht allein durch Eigenausbildung oder Weiterbildung generieren kann. Nach vorhandenen Erfahrungen ist die Bereitschaft, ausländische Fachkräfte einzustellen, groß bis „kommt drauf an". Ein Handwerksbetrieb lebt von seinem Betriebsklima: Wenn bei der ausländischen Fachkraft die innere Integrationsfähigkeit vorhanden ist, dann greifen die Unternehmen des Handwerks sehr gerne zu. Ein fachkundiger ausländischer Mitarbeiter bringt immer Erfahrungen ein, die für das Team von Nutzen sind.

Können Sie das bestätigen, Herr Meurer, Herr Dechert?

Meurer: Grundsätzlich ja. Allerdings ist die Betriebslandschaft, wie die Gesellschaft selbst, heterogen. Es wird also sicherlich Betriebe geben, die die Einstellung von Mitarbeitern mit ausländischen Berufsabschlüssen, aus welchen Gründen auch immer, ablehnen. Aber grundsätzlich gilt: Ja, wir wollen diese Leute. Ja, wir wollen sie integrieren und ja, wir wollen helfen.

Dechert: Aufgrund des akuten Fachkräftebedarfs sind die Betriebe des Handwerks ja bereit, viel zu leisten und sich zusätzlich zu engagieren. Oft gehen Sie jedoch pragmatisch vor, zeigen weniger Interesse an der Anerkennung, sondern schauen selbst, welche Fähigkeiten eine Person hat und holen fehlende Kenntnisse gegebenenfalls selbst nach. Es ist ihnen im Prinzip egal, woher jemand kommt – was zählt, sind Deutsch- und Fachkenntnisse.

Stichwort Voraussetzungen. Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit den Betrieben effizienter bei der Einstellung von ausländischen Fachkräften geholfen werden kann?

Dechert: Aus meiner Sicht wäre es für das Elektrogewerbe aufgrund seiner spezifischen Anforderungen wichtig, spezielle Leitfäden zu entwickeln. Dies sehe ich in der Verantwortlichkeit des ZVEH. Darüber hinaus muss das Anerkennungsverfahren transparent und möglichst unkompliziert ablaufen sowie – ganz wichtig – einer Qualitätskontrolle unterliegen. Der Anerkennungssuchende darf nicht unnötig im Betrieb fehlen, d. h. das Verfahren muss möglichst betriebskonform sein. Die Betriebe sind bereit, viel zu leisten, sie brauchen jedoch klare Handlungsempfehlungen und müssen ohne größere Reibungsverluste mitgehen können.

Meurer: Es würde sicherlich helfen, auf die bereits bestehende Struktur der Handwerksorganisation, d. h. Kreishandwerkerschaften sowie Innungen zurückzugreifen. Die Betriebe brauchen zusätzlich Hilfe hinsichtlich Rechtssicherheit und Bürokratie. Das Anerkennungsverfahren mit seiner Formularwirtschaft muss akzeptabel und schlank sein. Am besten wären Kümmerer, die die Betriebe vor Ort an die Hand nehmen, alles vorbereiten und quasi nur noch zeigen, wo unterschrieben werden muss.

Rehlinger: Der Druck, geeignete Arbeitskräfte oder Lehrlinge zu gewinnen, ist auf jeden Fall ausreichend hoch. Es kommt jetzt darauf an, ein Verfahren zu entwickeln, welches nachvollziehbare, wiederholbare Prozesse der Vermittlung von ausländischen Fachkräften und deren Anerkennung enthält. Wenn ich heute eine offene Stelle melde, bin ich vielen Einschränkungen etc. unterworfen. Damit besteht für den Arbeitgeber aber nicht mehr die Möglichkeit, konkret seine Vorstellungen zu hinterlegen. Daher ist es andersherum umso wichtiger, dass sich die Bewerber in einer transparenten Börse präsentieren können. Vermittlungspartner oder eine im Netz aufgeführte Vergleichbarkeitsliste könnten auch hilfreich sein. Insgesamt ist aber hier noch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit angesagt. Anhand von Best practice-Beispielen, die wir als Verbände für unsere Internetseiten nutzen könnten, könnte der Multiplikator-Effekt verstärkt werden.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.


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